Wer ist der Glückspilz?
Der Glückspilz an der Tastatur ist Bj 68, Sohn einer Südfranzösin burgundischen Familienursprunges und eines frankophilen Bajuwaren, in Montpellier geboren und in München aufgewachsen, seit Jahrzehnten in Stockholm sesshaft. Mein Interesse für französische Oldtimer war bereits als Jugendlicher ausgeprägt, habe allerdings hauptsächlich mit Käfer und später Volvo meine Oldtimererfahrungen gesammelt. Eine CX habe ich in jungen Jahren zwar besessen, aber hinter dem Steuer einer DS hatte ich nie Platz genommen. Dieser Traum entstand durch ein einschneidendes Erlebnis als Kind auf der Rücksitzbank einer DS 23ie auf einer Autobahn in Südfrankreich. Mich fragend, ob ich schon über Hundert hinaus auf Französisch zählen kann, drückte der stolze Stiefgrossvater aufs Gaspedal und lies mich zählen: 110, 120, 130 … die roten Rücklichter der anderen Fahrzeuge wurden zu langen Streifen in der Nacht 140,150, 160 … mein auf der Rücksitzbank des Renault 4L meiner Eltern erworbene Weltbild des Autofahrens wurde völlig erschüttert… 170, 180 … ich hatte längst keinen Atem mehr zum Aufzählen, ich erlebte gerade meinen ersten Flug. Kurze Zeit später hat er Sie verkauft: „ Ich wollte nur vor meinen Tod mal knapp 200km/h schnell fahren können“
Die Göttin
In der Nähe des Mont Ventoux entdeckte ich Mitte der 90ziger unter dem Haus einer Verwandten zwischen allerlei Gerümpel eine Göttin.
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Es war eine DS 21ie mit Halbautomatik, Bj 1970, Sable métallisé AC318 mit den vieil or Sitzbezügen. Diese gehörte René, dem verstorbenen Bruder meiner Grossmutter. Er wohnte in Aix-en-Provence, war KFZ-Mechaniker bei Citroën und erfüllte sich zur Rente den grossen Neuwagentraum in Form einer DS. Seit ´82 aufgebockt und nie mehr gefahren, wurde Sie von seiner Tochter wie ein Erinnerungsstück behütet. Trotz Abwerbungsversuch Aussenstehender, auch meiner damals, war die Trennung vom Kleinod Ihres Vaters ausgeschlossen.
Der Anruf
Weitere 20 Jahre später kam plötzlich ein Anruf aus dem tiefen Süden des Mont-Ventoux in den hohen Norden von Stockholm: „Bonsoir mon cher, bist du noch an die DS interessiert“ … „ äääh was für eine Ehre, klar, aber was willst du haben“ .. „nichts, ich schenk’ Sie Dir. Meine Söhne wollen Sie nicht und wir meinen dass du Sie haben solltest“ … ich war wie aus heiterem Himmel vom Blitz einer Göttin getroffen. Und nicht irgendeine Göttin, es war die meines Grossonkles, 1. Hand, original 162 tkm. Es sind alle Dokumente dabei, Kauf- und Auslieferungsvertrag, Originalprospekt mit handgeschriebene Notizen, die seinen Entscheidungsprozess dokumentieren, originale CarteGrise, 20kg Werkstatthandbücher und das Wertvollste: René hat alles an seinem Traumauto selber gemacht und in kleine Heftchen detailliert dokumentiert: Jeden Service, Einstellungen, Austausch, Reparatur, mit Datum und Km-Angabe.
Nach reiflicher Überlegung fiel die neue Standortwahl meiner Madame auf mein burgundisches Haus meines Urgrossvaters. (Der Umzug selber im Jahre 2017 war ein Erlebnis dass eine eigene Erzählung verdient … ein anderes Mal )
Ein Kreis sollte sich schliessen - Renés Madame wohnt jetzt im ehemaligen Haus seines Vaters. Ausserdem mag’ ich zwar Schrauben, habe aber nicht den schwarzen Gürtel in dieser Disziplin. Und der Blick unter der Haube einer, seit 36 Jahren schlafenden, DS21 mit Einspritzung und Halbautomatik flösste Respekt ein, besonders als Madame nach Anschluss einer neuen Batterie noch nicht mal die Augenlieder in Form von leuchtenden Armaturen hob. Das Netzwerk an lokalen Kennern schien mir in Frankreich dichter als in Schweden. Und prompt fand ich den authentischen DS-Spezialisten, den Pensionär mit ehemals eigener Citroën Oldiewerkstatt und den selbstgedrehten Stümmel permanent im Mundwinkel.
Die Wiederauferstehung
Innen- und Kofferraum waren trocken, die Sitze in einem rissfreien Zustand mit einer schönen Patina, der Dachhimmel fiel aber auf die Köpfe der drinnen sitzenden Gallier. Vom Rost her stand Madame für Ihr Alter recht gut da. Die typischen Schwachstellen waren teilweise in einem erstaunlich guten Zustand. Die Gummidichtungen nicht spröde. Nichts was eine sofortige totale Demontage erforderte. Die Karosserie und Ihre Anbauteile waren relativ rostfrei, aber ich bekam einen ausgeprägten Zweifel an die Fahrkünste des Grossonkels. Kaum ein Blechteil ohne Kratzer oder Beule und dementsprechend ist der Zustand des Lackes. Blechkleid also eher mit „Hardcore-Patina“.
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Aber erst mal zum Laufen bringen: Der Motor drehte. Der Tank musste raus, die Benzinpumpe war hoffnungslos verklebt, die Benzinleitungen eine Sprinkleranlage, Auspuff komplett neu, Wasserpumpe undicht. Kühler ok, sowie auch der Kühlwasserkreislauf. Alle Flüssigkeiten neu, Zündkerzenwechsel (100% sicher dass ich den Käfermotor schneller auf dem Boden gehabt hätte
Nach einer genaueren Einstellung der Einspritzanlage und controlle technique im letzten Jahr, ziehe ich immer weitere Kreise mit der Göttin. Es hätte mich ja mal jemand vor diesem Suchpotential warnen können! Drogenfreies Schweben! Zwar mussten noch Motoraufhängung und zwei Einspritzdüsen ausgetauscht werden, aber ich fahre immer noch mit den selben Federkugeln und den alten Hydraulikleitungen.
Ich rechne nicht damit für immer ein Glückspilz zu sein, aber Madame scheint mich momentan zu lieben. Mich hat sie bereits hoffnungslos um den Finger gewickelt und bin deswegen diesem Club beigetreten und suche auch einem geeigneten auf der französischen Seite des Rheins. Vorschläge? Gerne würde ich ein paar Eurer Stammtische besuchen und Ausfahrten mitmachen. Da kann man auch mal Eure Meinung über meine nächsten Schritte bekommen: Neulack? Oder mit dem Wellblech und „50 shades of brown" leben?
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„Patina“ hat auch was. Und wenn Neulack, das abgefärbte Dach vielleicht besser so belassen? Der Gummi ist rissfrei und das Dach dicht. Ungern montiere ich es ab… tja viele Fragen aber noch mehr Spass
Vielen Dank für Eure Geduld und auf baldiges Kennenlernen
Emanuel
PS: Die Signatur „Paddan“ ist der schwedische Kosename für die DS: Die Kröte! Naja, Madam oder Göttin klingt schon eleganter. Dafür haben aber die Schweden an unserer Bezeichnung Buckelvolvo zu schlucken