Die Déesse schwebte ostentativ in die Zukunft
Verfasst: So 3. Jan 2010, 12:35
Habe ich gerade mit Schmunzeln in der aktuellen ZEIT gelesen
Thema: Die Requisiten des Jahrzehnts (Das iPhone, Ritalin, Porsche Cayenne, Manufactum) Viele grüße - Nicolas
DIE REQUISITEN DES JAHRZEHNTS
Porsche Cayenne
Die Zeit verlangt nach privatem Katastrophenschutz – auch im Auto
Zugegeben, Freizeitjeeps sind keine neue Erfindung. Doch nach den Terroranschlägen vom 11. September sprinteten sie in der Zulassungsstatistik allen Normallimousinen davon. Bald war in den Vereinigten Staaten jedes zweite Auto ein Sport-Utility-Vehicle (SUV); vor allem der Hummer H2, die Straßenversion des US-Militärjeeps, verkaufte sich rasend gut, ein grobkantiges Monster, das aussieht, als solle sein Besitzer mit ihm ungebremst nach Bagdad durchbrechen.
Kurz darauf begann auch in Deutschland der Siegeszug übermotorisierter Streitwagen. Ein Porsche Cayenne zum Beispiel hat an die 500 PS unter der Haube und ein Drehmoment wie ein Schützenpanzer. Solche Kampfmaschinen wiegen gut 2,5 Tonnen, fahren schneller als der ICE zwischen Berlin und Hamburg und saufen fröhliche 20 Liter Erdöl auf 100 Kilometer. Nur ein Bruchteil dieser Wuchtbrummen hat jemals echten Naturkontakt; ihr out of area- Einsatz beschränkt sich aufs Niederwalzen feindlicher Stiefmütterchen beim paramilitärischen Einparkversuch im nachbarlichen Vorgarten.
Mehr zum Thema
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* Jahresrückblick 2009 Jahresrückblick - Das Jahr 2009
Kein Mensch braucht dieses Schwermetall wirklich, aber es wird ja auch nicht für reale Zwecke gebaut, sondern für imaginäre. SUVs sind Helden der inneren Sicherheit, sie sind Vorkehrungen gegen die Weltangst. Im SUV verbarrikadiert sich das Humankapital auf der riskanten Fahrt zur Arbeit, und unsere neuen Mütter bringen Deutschlands künftige Leistungsträger damit 500 gefährliche Meter zur Krabbelgruppe.
Der Fahrer eines SUV rechnet dabei immer mit dem Schlimmsten. Er denkt nicht: »Alles wird gut«, er denkt: »Bald wird hier kein Durchkommen mehr sein.« Deshalb wittert er großes Unheil, wo noch gar keines ist: Tornados über Dinkelsbühl, Wildwasser in Wanne-Eickel, Vulkanausbrüche an Rhein-Main, Klimaflüchtlinge in Flensburg, einstürzende Neubauten, rutschende Abhänge. Kurzum, SUVs sollen vor jenen Naturereignissen schützen, die durch ihre massenhafte Verbreitung mit verursacht werden. Es sind Autos für Menschen, die wissen, dass die Welt nicht mehr zu retten ist. »Vergiss die Klimakonferenz, du schaffst es allein.«
Wenn der Citroën DS 19 (»Déesse 19«) für Roland Barthes die automobile »Göttin« des 20. Jahrhunderts war, dann ist ein Freizeitjeep der apokalyptische Reiter des 21. Die Déesse schwebte ostentativ in die Zukunft, ein SUV rast präventiv vor ihr davon. Es ist ein Fluchtfahrzeug, ein privater Katastrophenschutz – es ist das Monument der panischen westlichen Seele im Zeitalter von Terror und Krieg, Bankrott und Klimakatastrophe. Gott sei Dank verfügen die Überlebenskolosse über Videobildschirme in den Kopfstützen. Wenn dann die lieben Kinder mit Mama und Papa wohlbehütet durch die Wildnis der späten Zivilisation rollen, können sie darauf schöne Filme sehen, zum Beispiel Wall-E: Der Letzte räumt die Erde auf. Thomas Assheuer
DIE REQUISITEN DES JAHRZEHNTS
Porsche Cayenne
Die Zeit verlangt nach privatem Katastrophenschutz – auch im Auto
Zugegeben, Freizeitjeeps sind keine neue Erfindung. Doch nach den Terroranschlägen vom 11. September sprinteten sie in der Zulassungsstatistik allen Normallimousinen davon. Bald war in den Vereinigten Staaten jedes zweite Auto ein Sport-Utility-Vehicle (SUV); vor allem der Hummer H2, die Straßenversion des US-Militärjeeps, verkaufte sich rasend gut, ein grobkantiges Monster, das aussieht, als solle sein Besitzer mit ihm ungebremst nach Bagdad durchbrechen.
Kurz darauf begann auch in Deutschland der Siegeszug übermotorisierter Streitwagen. Ein Porsche Cayenne zum Beispiel hat an die 500 PS unter der Haube und ein Drehmoment wie ein Schützenpanzer. Solche Kampfmaschinen wiegen gut 2,5 Tonnen, fahren schneller als der ICE zwischen Berlin und Hamburg und saufen fröhliche 20 Liter Erdöl auf 100 Kilometer. Nur ein Bruchteil dieser Wuchtbrummen hat jemals echten Naturkontakt; ihr out of area- Einsatz beschränkt sich aufs Niederwalzen feindlicher Stiefmütterchen beim paramilitärischen Einparkversuch im nachbarlichen Vorgarten.
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Kein Mensch braucht dieses Schwermetall wirklich, aber es wird ja auch nicht für reale Zwecke gebaut, sondern für imaginäre. SUVs sind Helden der inneren Sicherheit, sie sind Vorkehrungen gegen die Weltangst. Im SUV verbarrikadiert sich das Humankapital auf der riskanten Fahrt zur Arbeit, und unsere neuen Mütter bringen Deutschlands künftige Leistungsträger damit 500 gefährliche Meter zur Krabbelgruppe.
Der Fahrer eines SUV rechnet dabei immer mit dem Schlimmsten. Er denkt nicht: »Alles wird gut«, er denkt: »Bald wird hier kein Durchkommen mehr sein.« Deshalb wittert er großes Unheil, wo noch gar keines ist: Tornados über Dinkelsbühl, Wildwasser in Wanne-Eickel, Vulkanausbrüche an Rhein-Main, Klimaflüchtlinge in Flensburg, einstürzende Neubauten, rutschende Abhänge. Kurzum, SUVs sollen vor jenen Naturereignissen schützen, die durch ihre massenhafte Verbreitung mit verursacht werden. Es sind Autos für Menschen, die wissen, dass die Welt nicht mehr zu retten ist. »Vergiss die Klimakonferenz, du schaffst es allein.«
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